Fachkräftemangel-Index Schweiz

Zürich, 26. November 2020 – Seit Ausbruch der Corona-Krise ist die Nachfrage nach Fachkräften schweizweit gesunken. Dennoch besteht in einigen Berufen weiterhin ein Fachkräftemangel. Dies beispielsweise in den Bereichen Ingenieurwesen, Technik, Humanmedizin und Pharmazie, Treuhand sowie Informatik. In Berufen mit einem Fachkräfteüberangebot verschärft sich die Lage für Stellensuchende hingegen weiter. Vor allem Berufe des Verkaufs und Handels, des Gastgewerbes sowie des kaufmännischen und administrativen Bereichs leiden unter einem Überangebot an Fachkräften. Dies zeigt der Fachkräftemangel Index der Adecco Gruppe Schweiz und des Stellenmarkt-Monitors Schweiz der Universität Zürich. Die Regionen Zürich und Ostschweiz verzeichnen den stärksten Einbruch. In der französisch- und italienischsprachigen Schweiz hat sich an der Nachfrage nach Fachkräften wenig geändert, wobei diese aber tiefer ist als im gesamtschweizerischen Durchschnitt.

Zwischen 2016, als der Fachkräftemangel im Rahmen des Fachkräftemangel Index Schweiz zum ersten Mal gemessen wurde, und 2019 hat der Fachkräftemangel jährlich zugenommen. Im Jahr 2020 ist der Index erstmals gesunken, und zwar um 17%. COVID-19 hat die Lage auf dem Schweizer Arbeitsmarkt sehr schnell verändert. In den meisten Berufen sinkt die Zahl der offenen Stellen, während die Zahl der Stellensuchenden steigt. Dennoch besteht in diversen Berufen nach wie vor ein Fachkräftemangel. „Die erste Welle der Covid-19 Pandemie verunsicherte die Unternehmen. Sie stellten nur noch zögerlich oder zeitweise gar kein neues Personal ein. In der zweiten Welle können sie dagegen auf ihren Erfahrungen aufbauen. Sie rekrutieren nun trotz den einschränkenden Massnahmen wieder vermehrt Personal“, kommentiert Monica Dell’Anna, CEO der Adecco Gruppe Schweiz. Luca Semeraro, Head Professional Recruitment, ergänzt: „Am Fachkräftemangel in Berufen wie dem Ingenieurwesen, der Informatik, der Technik oder der Medizin hat die Corona-Krise wenig geändert. Wir erfahren täglich, wie intensiv Unternehmen nach Spezialisten und Spezialistinnen in diesen Bereichen suchen. Es ist teilweise sehr schwierig, geeignetes Personal zu rekrutieren. Beispielsweise hat die regionale Mobilität der Fachkräfte aufgrund der Verunsicherung durch Reisebeschränkungen abgenommen. Aber auch in Berufen, die im Allgemeinen nicht von einem Fachkräftemangel betroffen sind, fehlen in einigen Bereichen viele Fachkräfte.“ Corinne Scheiber, verantwortlich für Adecco Medical, präzisiert: „Gut ausgebildete Pflegefachkräfte, insbesondere solche mit Spezialisierung Intensivpflege, sind aktuell sehr gesucht.“

In Berufen, wo das Fachkräfteüberangebot bereits 2019 besonders gross war, spitzt sich die Lage für Stellensuchende durch die Corona-Krise nochmals deutlich zu. Immer mehr Stellensuchende treffen auf immer weniger Vakanzen. „Die Arbeitslosenquote ist momentan hoch. In kundenorientierten Dienstleistungsberufen wie dem Gastgewerbe oder dem Verkauf hat sich die Lage im Vergleich zum Vorjahr besonders zugespitzt. Für Stellensuchende ist es in diesen Berufen momentan schwierig, wieder eine Arbeit zu finden. Denn die Zahl der Vakanzen hat abgenommen und die Konkurrenz durch die steigende Zahl weiterer Stellensuchender ist gross“, meint Helen Buchs vom Stellenmarktmonitor Schweiz der Universität Zürich.

 

Fachkräftemangel trotz Corona
In den Top-5-Berufen des Schweizer Fachkräftemangel-Rankings 2020 herrscht trotz Corona-Krise weiterhin ein deutlicher Mangel an geeigneten Fachkräften. Im Ingenieurwesen, den technischen Berufen, den Berufen des Treuhandwesens, in der Humanmedizin und Pharmazie sowie der Informatik ist auch im Jahr 2020 die Zahl der Vakanzen höher als jene der Stellensuchenden. Zudem ist die Zahl der Beschäftigten in all diesen Berufen gestiegen, was ebenfalls auf einen hohen Personalbedarf hinweist. Im Jahresvergleich hat sich der Fachkräftemangel etwas entschärft. 


Eine Ausnahme sind die Berufe der Humanmedizin und Pharmazie. Sie verzeichnen 2020 einen unverändert hohen Fachkräftemangel. Diese Berufe konnten vor dem Lockdown im März 2020 einen grossen Zuwachs an Vakanzen verzeichnen und danach dieses Niveau halten. So gibt es 2020 in diesen Berufen zwar mehr Stellensuchende als noch 2019, aber auch mehr offene Stellen. Dazu meint Corinne Scheiber: „Ärzte und Ärztinnen sind immer noch stark gesucht. Die Bevölkerung wird unter anderem immer älter und es braucht deshalb unabhängig von wirtschaftlichen Krisen genügend medizinisches Personal. Wir beobachten bei Adecco Medical beispielsweise eine Zunahme der Anfragen in den Bereichen Geriatrie und Gerontopsychiatrie sowie in der Notfallmedizin.“ 


Die Digitalisierung führt dazu, dass auf dem Arbeitsmarkt immer mehr Informationstechnologien eingesetzt und deshalb Informatikkenntnisse benötigt werden. Dies spiegelt sich im immer noch grossen Bedarf an Fachkräften in den Informatikberufen wider, wo trotz Corona-Einbruch ein Fachkräftemangel herrscht. Semeraro kommentiert: „Die Resultate des Fachkräftemangel Index Schweiz 2020 unterstreichen die Einschätzung des Verbands ICT Berufsbildung Schweiz: Die Zahl der ICT-Jobs ist deutlich höher als die Zahl der entsprechenden Arbeitslosen. In der Informatik ist der Wandel rasant. Betriebe suchen immer wieder ganz intensiv nach neuen Qualifikationen. Die Stellensuchenden hinken dabei oft einen kleinen Schritt hinterher.“ 

 

Fachkräfteüberangebot in den Berufen nimmt nochmals deutlich zu

Es fällt auf, dass ein grosses Überangebot an Fachkräften in diversen Berufen mit eher tiefen Qualifikationsanforderungen im Dienstleistungsbereich besteht. Im Vergleich zum Jahr 2019 hat die Zahl der offenen Stellen weiter ab- und die Arbeitslosigkeit weiter zugenommen. Die Corona-Krise trifft diese Berufe deshalb besonders hart. Erwartungsgemäss steigt auch die Zahl der Stellensuchenden in den Berufen des Gastgewerbes, während hier gleichzeitig weniger neues Personal gesucht wird. 


Das grösste Überangebot an Fachkräften verzeichnen 2020 die Berufe des kaufmännischen Bereichs. Diese Berufe haben besonders unter der Corona-Krise gelitten. Die Zahl der Vakanzen hat nämlich deutlich abgenommen. Semeraro meint dazu: „Die Corona-Krise hat die Automatisierungs- und Digitalisierungsprozesse in den kaufmännischen und administrativen Berufen nochmals angekurbelt. Zudem werden Neurekrutierungen hier in Notlagen gestrichen, weil Stellen des kaufmännischen Bereichs meist nicht unmittelbar zu Einnahmen führen. Aber auch Outsourcing und allgemeines Herunterfahren der Geschäftsbeziehungen dürften für das Überangebot eine Rolle spielen.“ 
Auch in den Berufen der Reinigung, Hygiene und Körperpflege ist das Fachkräfteüberangebot sehr ausgeprägt. Im Gegensatz zu anderen Berufen am unteren Ende des Rankings hat sich das Überangebot durch die Corona-Krise jedoch nicht stark verändert. 
 

Deutschschweiz*: Fachkräftemangel Index sinkt um -21%

In der Deutschschweiz sinkt der Fachkräftemangel Index Schweiz stärker als in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz. Dennoch liegt der Deutschschweizer Fachkräftemangel Index über dem gesamtschweizerischen Durchschnitt. Insbesondere im Ingenieurwesen suchen Betriebe in der Deutschschweiz Fachkräfte, denn die Zahl der offenen Stellen ist hier nur leicht gesunken. Die Ingenieursberufe belegen den ersten Platz des Rankings.
Kaufmännische und administrative Berufe verzeichnen 2020 gleichzeitig weniger Vakanzen und mehr Stellensuchende als im Vorjahr. Weil sie nun gemessen an der zahlenmässigen Bedeutung des Berufs das grösste Fachkräfteüberangebot aufweisen, belegen sie neu den letzten Platz des Rankings.

 

Französisch- und italienischsprachige Schweiz**: Technikerinnen und Techniker fehlen

In der französisch- und italienischsprachigen Schweiz belegen Technikerinnen und Techniker auch im Jahr 2020 den ersten Platz des Fachkräftemangel Rankings. In dieser Berufsgruppe übersteigt die Zahl der Vakanzen jene der Stellensuchenden deutlich. Im Gegensatz zum gesamtschweizerischen Durchschnitt hat hier der Fachkräftemangel im Jahresvergleich nicht nachgelassen, weil es sogar mehr offene Stellen gab. Auch das Treuhandwesen verzeichnet in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz einen deutlichen Fachkräftemangel. Semeraro meint dazu: „Besonders gefragt sind beispielsweise Treuhänder und Treuhänderinnen, die sowohl die französische als auch die deutsche Sprache beherrschen.»


Am Ende des Rankings der lateinischen Schweiz befinden sich wie auch in der Gesamtschweiz die kaufmännischen und administrativen Berufe. Das Fachkräfteüberangebot hat sich durch die Corona-Krise im Jahresvergleich nochmals vergrössert. In den Berufen der Reinigung, Hygiene und Körperpflege stehen nach wie vor viele Stellensuchende besonders wenigen offenen Stellen gegenüber. Im Jahresvergleich konnte diese Berufsgruppe in der lateinischen Schweiz das Überangebot jedoch etwas verringern, da die Zahl der Vakanzen zugenommen hat.
 

Über den Fachkräftemangel-Index Schweiz

In Zusammenarbeit mit dem Stellenmarkt-Monitor Schweiz (SMM) am Soziologischen Institut der Universität Zürich veröffentlicht die Adecco Group Schweiz jährlich je eine umfassende und eine Kurz-Studie zum Fachkräftemangel in der Schweiz.  Die wissenschaftlich fundierten Fachkräftemangel-Studien zeigen auf, in welchen Berufen die Zahl der Vakanzen im Vergleich zu den Stellensuchenden besonders gross und in welchen besonders klein ist. Zudem ermöglichen langjährige Zeitvergleiche das Erkennen von Verschärfungen und Abschwächungen im Fachkräftemangel pro Beruf.

Fachkräftemangel-Index (5-Jahres-Übersicht) (PDF, 329 KB)

Fachkräftemangel-Index (2020 Rankings) (PDF, 233 KB)

Methoden und Zuordnung der Berufe (PDF, 827 KB)

Mehr zur Analyse der offenen Stellen in der Schweiz (Job Index)

 

* Kantone Aargau, Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Bern, Glarus, Graubünden, Luzern, Nidwalden, Obwalden, St., Gallen, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, Thurgau, Uri, Zürich, Zug

** Kantone Genf, Freiburg, Jura, Neuenburg, Tessin, Waadt, Wallis