Fachkräftemangel-Index Schweiz

Zürich, 25. November 2021 – Der Fachkräftemangel verschärft sich im Jahresvergleich deutlich. Der Grund dafür ist die Zunahme an Stellenangeboten und die gesunkene Arbeitslosenquote. Von der Entspannung im Fachkräftemangel im Jahr 2020 ist momentan nur noch wenig spürbar. Besonders gross ist der Mangel in den Bereichen Ingenieurwesen, Technik, Informatik sowie Humanmedizin und Pharmazie. Dies zeigt der Fachkräftemangel Index der Adecco Gruppe Schweiz und des Stellenmarkt-Monitors Schweiz der Universität Zürich.

 

Die Arbeitsmarktzahlen für die Schweiz zeigen aktuell fast alle eine positive Entwicklung, und die Konjunkturprognosen gehen von einem Wirtschaftswachstum aus. Schweizer Unternehmen benötigen für dieses Wachstum dringend geeignetes Personal. Aus diesem Grund steigt der Fachkräftebedarf derzeit massiv an. Die Arbeitslosenquote ist zudem mit aktuell 2,5 % bereits wieder sehr niedrig. Entsprechend legt der Fachkräftemangel Index Schweiz im Vergleich zum Sommerhalbjahr 2020 um 27 % zu.

Im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit (Sommerhalbjahr 2019) liegt der Index jedoch aktuell um 12 % tiefer. Weil davon ausgegangen werden kann, dass im 2022 die globale Konjunktur an Fahrt gewinnen und sich die pandemische Lage weiter normalisieren wird, dürfte der Fachkräftebedarf weiter ansteigen. Diese Entwicklung wird mit grosser Wahrscheinlichkeit verstärkt und ganzheitlich auch Dienstleistungen wie etwa die Hotellerie und Gastronomie sowie den Tourismus erfassen. Insgesamt scheint dank dieser Entwicklungen die Berg- und Talfahrt, die der Fachkräftemangel Index Schweiz in den letzten zwei Jahren durchlebte, zumindest vorläufig beendet. 

Im Regionenvergleich zeigt sich, dass der Fachkräftebedarf in der Deutschschweiz durch die Covid-19-Pandemie etwas stärker abgenommen hatte als in der Romandie. Im Jahresvergleich macht sich nun aber in der Deutschschweiz auch ein stärkerer Aufschwung bemerkbar. Der wirtschaftliche Aufschwung, den die Romandie in den letzten Jahren verzeichnen konnte, wird also durch die Pandemie kaum gestoppt. Der Fachkräftemangel Index ist seit Beginn der Pandemie nie unter den Wert von 2016 (Messbeginn) gesunken. Weiter deuten die Entwicklungen darauf hin, dass der Fachkräftebedarf in den Zentren durch die Covid-19-Pandemie stärker beeinträchtigt, wurde als in ländlicheren Regionen. Denn hier prägen meist Dienstleistungen die Wirtschaft und viele Personen kommen auf engem Raum zusammen.

 

Immer noch grosser Fachkräftemangel in den Ingenieurberufen

Die Covid-19-Pandemie hat den Arbeitsmarkt aufgewühlt. Wie stark er sich längerfristig verändert, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Die Pandemie hat aber bis jetzt kaum etwas daran geändert, welche Berufe besonders stark vom Fachkräftemangel betroffen sind. Wie in den Vorjahren, belegen die Ingenieurberufe den Spitzenplatz des Fachkräftemangel Rankings. Hier gibt es den grössten Mangel an Fachkräften.

Auf Rang 2 der Berufe mit dem grössten Fachkräftemangel liegen die Informatikberufe. Der Fachkräftemangel liess hier zu Beginn der Covid-19-Pandemie vergleichsweise wenig nach und ist im letzten Jahr deutlich gestiegen. Damit erreicht der Fachkräftemangel in den Informatikberufen bereits wieder das Vor-Pandemie Niveau. Das Stellenangebot in den Informatikberufen ist so gross wie noch nie seit Messbeginn 2016. Die Pandemie scheint der Digitalisierung einen Schub gegeben zu haben, weshalb die Unternehmen intensiv nach Informatikfachkräften suchen.

In vielen MINT-Berufen sind Frauen untervertreten. Es ist längst anerkannt, dass der Fachkräftemangel entschärft werden könnte, wenn mehr Frauen diese Berufe ausüben würden. Im Jahr 2019 lag der Frauenanteil gemäss dem Bundesamt für Statistik in der beruflichen Grundbildung im Bereich Ingenieurwesen und Technik bei tiefen 7.4 Prozent und in der Informatik sogar nur bei 7.2 Prozent. Bemerkenswerterweise steigen diese Zahlen über die Zeit auch kaum, bei der Informatik sind sie sogar eher rückläufig. Für Unternehmen und Ausbildungsstätten sowie den Arbeitsmarkt als Ganzes steckt in den Frauen noch viel Potenzial und es wäre wünschenswert, sie vermehrt für diese Berufe begeistern zu können.

 

Unterschiede in den Gesundheitsberufen

Die Gesundheitsberufe lagen pandemiebedingt im Fokus des öffentlichen Interesses. Besonders prominent und steigend ist demnach der Fachkräftemangel bei den spezialisierten Pflegeberufen. Auf den ersten Blick erstaunlich ist deshalb, dass der Fachkräftebedarf in den Therapie- und Pflegeberufen im Fachkräftemangel Index Schweiz durch die Covid-19-Pandemie etwas abgenommen hat. Das Bild ist jedoch nicht einheitlich. In einigen Bereichen der Pflegeberufe ist der Fachkräftemangel tatsächlich akut. So beispielsweise bei den spezialisierten Pflegeberufen, die eine längere Ausbildung voraussetzen. Vor allem bei den tiefer qualifizierten Pflegepersonen ist es aber während der Pandemie zu einem starken Anstieg in der Zahl der Stellensuchenden gekommen. Pflegehilfskräfte arbeiten typischerweise in Pflegeinstitutionen wie Altersheimen. Bei Sparmassnahmen oder einer sinkenden Zahl an Bewohner/-innen werden die Hilfskräfte vermutlich zuerst entlassen, weil sie auf dem Markt viel einfacher zu finden sind als Pflegefachkräfte mit einer längeren Ausbildung. Während der Pandemie dürfte es häufig zu Entlassungen gekommen sein, weil Bewohnende gestorben sind und sich auch weniger betagte Menschen für den Eintritt in ein Altersheim entscheiden. Ein Ansatz den Fachkräftemangel in den spezialisierten Pflegeberufen zu senken wäre also, innerhalb des Pflegebereichs in Weiterbildungen zu investieren. Weiter sind bekanntermassen die Arbeitsbedingungen oft nicht attraktiv. Sie zu verbessern, wäre ein weiterer Weg.

 

Covid-19-Pandemie verschärft die Lage für Stellensuchende in vielen Dienstleistungsberufen

Während die Covid-19-Pandemie den Fachkräftemangel in gewissen Berufen vorübergehend entschärft hat, verschlechtert sie die Lage für Stellensuchende in vielen Bereichen des Arbeitsmarkts nochmals. Dies betrifft vor allem Personen in Berufen mit einem hohen Anteil an gering qualifizierten Beschäftigten sowie in den berufen der persönlichen Dienstleistungen, durch die Pandemie und die dagegen ergriffenen Massnahmen stark beeinträchtigt wurden. Der Fachkräftebedarf sackte zu Beginn der Pandemie zusammen und steigt aktuell vergleichsweise langsam. Die Arbeitslosigkeit hat im Vor-Pandemie Vergleich zugenommen. Für Stellensuchende in diesen Berufen wird es damit nochmals schwieriger eine Arbeit zu finden. Das zeigt sich auch am momentan sehr hohen Anteil der Langzeitarbeitslosen. Personen, die während der Pandemie entlassen wurden, haben oft noch keine neue Stelle gefunden. Besonders betroffen sind Stellensuchende ab 50 Jahren. Weiter wären ohne die massiven Kurzarbeitsentschädigungen die Arbeitslosenzahlen zwischenzeitlich vermutlich gerade in den Berufen mit einem Fachkräfteüberangebot noch viel stärker gestiegen. Die Schere zwischen Berufen mit einem Fachkräftemangel und jenen mit einem Fachkräfteüberangebot hat sich durch die Covid-19-Pandemie geöffnet und noch nicht wieder geschlossen.

Beispielsweise in den kaufmännischen und administrativen Berufen hat sich das Fachkräfteüberangebot im Vergleich zu Vor-Corona nochmals deutlich vergrössert. Zwar ist auch hier seit dem Sommerhalbjahr 2020 das Stellenangebot wieder gewachsen, aber eben nicht so stark wie es zuvor geschrumpft ist. «Die kaufmännischen und administrativen Berufe stecken schon länger in der Krise. Das Stellenangebot ist im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen seit einigen Jahren eher rückläufig.

Das Gastgewerbe wurde von der Covid-19-Pandemie und den Massnahmen zu deren Eindämmung stark getroffen. Viele Gaststätten mussten vorübergehend schliessen und klagen weiterhin über wenige Kunden. Es ist wenig verwunderlich, dass der Fachkräftebedarf in den Berufen des Gastgewerbes und der Hauswirtschaft (z.B. Service- und Küchenpersonal oder hauswirtschaftliche Angestellte) mit der Pandemie stark geschrumpft ist und nur zögerlich wieder steigt. Aber in jüngster Zeit macht sich ein Aufschwung bemerkbar: Die Stellenanzeigen für Berufe von Hotellerie und Gastronomie haben übers Sommerhalbjahr 2021 wieder stark zugenommen. Der Aufschwung in jüngster Zeit kann die Verluste zu Beginn der Pandemie jedoch noch nicht wettmachen.

Über den Fachkräftemangel-Index Schweiz

In Zusammenarbeit mit dem Stellenmarkt-Monitor Schweiz (SMM) am Soziologischen Institut der Universität Zürich veröffentlicht die Adecco Group Schweiz jährlich je eine umfassende und eine Kurz-Studie zum Fachkräftemangel in der Schweiz.  Die wissenschaftlich fundierten Fachkräftemangel-Studien zeigen auf, in welchen Berufen die Zahl der Vakanzen im Vergleich zu den Stellensuchenden besonders gross und in welchen besonders klein ist. Zudem ermöglichen langjährige Zeitvergleiche das Erkennen von Verschärfungen und Abschwächungen im Fachkräftemangel pro Beruf.

Fachkräftemangel-Index (6-Jahres-Übersicht) (PDF, 467 KB)

Fachkräftemangel-Index (2021 Ranking) (PDF, 241 KB)

Methoden und Zuordnung der Berufe (PDF, 827 KB)

Mehr zur Analyse der offenen Stellen in der Schweiz (Job Index)

Medienberichte: 

SRF

NZZ

Tagesanzeiger